Die Stimmung ist aufgeheizt. Leider wird einiges nicht richtig oder sogar völlig falsch verbreitet, kopiert und erneut gepostet. Sowohl als Bild wie auch in schriftlicher Form in Foren und natürlich auch in den sogenannten sozialen Medien. Meinungen bleiben jedoch Meinungen – insbesondere dann, wenn die Fakten anders aussehen.
Mein heutiger Beitrag stellt die Situation in Deutschland dar und befasst sich nüchtern und trocken damit, wie die Besteuerung von Kraftstoff aktuell in Deutschland geregelt ist.
Meinen ersten Beitrag im Frühlung 2022 hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt. Aber nun ist es eben wie es ist.
Ich hoffe damit ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Natürlich bin auch ich nicht über die erhöhten Kosten für die Fahrt zur Arbeit oder die notwendige Fahrt für den Wocheneinkauf begeistert. Ich bin also genau so betroffen wie andere auch, welche nicht mit ÖPNV oder zu Fuß alle alltäglichen Wegstrecken zurücklegen können.
Daher immer daran denken: ich stehe nicht über den Dingen. Ich erkläre sie nur.
Der häufigste Fehler den ich aktuell immer wieder sehen kann ist, dass man »denen da oben« unterstellt sich an den Kraftstoffpreisen zu bereichern. Dabei wird von den meisten davon ausgegangen, dass bei einem doppelten Kraftstoffpreis auch die doppelten Steuereinnahmen einhergehen. Dem ist nicht so, ich erkläre weiter unten im nächsten Abschnitt warum.
Der zweithäufigste Fehler: »wenn man die MwSt senkt, ist der Kraftstoffpreis auf einem normalen Niveau!«. Die Mehrwertsteuer macht 19% vom Kraftstoffpreis aus. Viele können sich noch an die Senkung der MwSt wegen der Corona-Krise erinnern und fordern nun ähnliche Maßnahmen bis hin zum kompletten Aussetzen der MwSt. Ähnlich wie es auch aktuell in Polen passiert (aus anderen Gründen). Auch dazu gehe ich weiter unten in einem Abschnitt ein.
Warum aktuell die Emotionen so hochkochen ist jedem klar: am 03.02.2022 habe ich vollgetankt. Diesel. Für 1,599 Euro pro Liter. Fand ich jetzt nicht wirklich günstig.
27.02.2022: Diesel ist bei 1,729 Euro. Am 01.03.2022 bei 1,759 Euro. Am 04.03.2022 bei 1,949 Euro – ich war tanken. An einigen Tankstellen lag der Preis pro Liter Diesel abends bereits über 2,00 Euro.
Die übrigen Bilder von Tankstellen auf dieser Seite sind vom 05.03.2022 – seit dem sind die Preise weder für Diesel noch für Super (E10) wieder längerfristig auf unter 2,00 Euro gefallen. Einzelne Ausnahmen bestätigen die Regel.
Tagesaktuell erzählt mir die App »Benzinpreis-Blitz« auf dem Schmarrnfon folgendes: E10 für 2,189 Euro, Super für 2,249 Euro und Diesel für 2,339 pro Liter.
Die Preise habe ich an dieser Stelle für den Zweck notiert, falls irgendwer mal in zwei, drei Jahren über den Beitrag stolpert die jetzige Situation nachvollziehen kann.
Der Kraftstoffpreis in Deutschland besteht nicht nur aus dem Grundpreis pro Liter, welchen der Anbieter festlegt. Es sind auch noch mehrere Abgaben enthalten, welche sich zum Teil auf die Menge aber auch auf den Gesamtpreis beziehen.
Die scheinbar weit verbreitete Meinung bei einem Anstieg von fiktiv 1,00 auf 2,00 Euro habe sich auch der Steueranteil verdoppelt, muss daher korrigiert werden. Leider gelingt das vielen Nachrichtenseiten im Netz wohl nicht nachhaltig?
Was stimmt: die Steuern machen in der Zusammensetzung bei den Kraftstoffpreisen einen großen Anteil aus. Prozentuale Angaben sind jedoch falsch und verwirren nur »fast die Hälfte« oder »über 45%« suggerieren, dass immer so viel vom Endkundenpreis an den Staat geht. Dies ist jedoch falsch. Kein Wunder also, dass viele einen falschen Eindruck erhalten haben.
Fixkosten: Energiesteuer
Früher gab es die Mineralölsteuer, seit 2006 gibt es statt ihr die Energiesteuer und das dazugehörige Energiesteuergesetz[1]. Diesel und Benzin haben eine unterschiedlich hohe Energiesteuer. Der Steuersatz für Benzin liegt bei 65,45 Cent pro Liter. Diesel hat – wie zuvor bei der Mineralölsteuer – einen vergünstigen Satz und beträgt daher 47,07 Cent pro Liter.
Die Energiesteuer ist immer gleich pro Liter. Unabhängig davon wie der Öl- beziehungsweise Benzinpreis schwankt.
Fixkosten: CO2-Abgabe
In Erinnerung ist auch geblieben, dass es sei 2021 die »CO2-Abgabe« gibt. Häufig ist von »CO2-Steuer« zu lesen, es gibt aber keien Steuer mit diesem Namen in Deutschland. Wie die Energiesteuer ist die Abgabe ein fester Wert pro Liter und verändert sich nicht wenn der Ölpreis steigt oder fällt.
Seit Jahresbeginn 2021 wird eine CO2-Abgabe in Höhe von 25,00 Euro pro Tonne erhoben. Für den Endverbraucher bedeutete dies an der Tankstelle bedeutet einen Anstieg von etwa sieben bis acht Cent pro Liter Benzin. Bis 2025 soll diese CO2-Abgabe auf 55,00 Euro pro Tonne steigen. Sollte dies so wie geplant umgesetzt werden erhöht sich der Benzinpreis pro Liter 16 bis 17 Cent.
Zum Jahreswechsel 2021/2022 wurde planmäßig auf 30 Euro pro Tonne erhöht. Damit stieg der Preis beim Benzin um weitere etwa 1,4 Cent an.
Variable Kosten: die Mehrwertsteuer
Die MwSt für Kraftstoffe liegt in Deutschland aktuell bei 19%. Sie ist die einzige Steuer deren Summe linear mit dem Preis für den Endkunden wächst. Warum ist dem so? Weil die MwSt auf die Summe von Energiesteuer, CO2-Abgabe und »Materialkosten« (dem Kraftstoff) erhoben wird. Vereinfacht (wie weiter unten in der Tabelle zu sehen):
Gesamtpreis: Energiesteuer plus »was das Unternehmen haben will« plus MwSt auf alles.
Jeder kennt wohl häufig wiederholte (alte) Aussage »Von 1,63 Euro für Benzin gehen rund 99 Cent an den Staat.«. Die steht auch an einigen Zapfsäulen auf einem Aufkleber zu lesen.
Die Aussage stimmt, der Aufkleber stammt aber noch aus der Zeit vor der CO2-Abgabe – und das ist dann auch summiert: Energiesteuer plus MwSt. Allerdings gehen keine 1,98 Euro bei einem Literpreis von 3,26 Euro an den Staat sondern »nur« 1,18 Euro. Wie kann das sein? Noch einmal die weiter oben bereits erklärte Formel:
Gesamtpreis: Energiesteuer plus »was das Unternehmen haben will« plus MwSt auf alles.
Ich habe eine kleine Tabelle erstellt (damit es übersichtlicher bleibt ohne separat aufgeführte CO2-Abgabe und ohne weitere Nachkommastellen):
Energiesteuer | Kraftstoff (netto) | anteilige MwSt | Endpreis inkl. MwSt |
---|---|---|---|
0,65 € | 0,19 € | 0,16 € | 1,00 € |
0,65 € | 0,29 € | 0,18 € | 1,12 € |
0,65 € | 0,75 € | 0,27 € | 1,67 € |
0,65 € | 1,03 € | 0,32 € | 2,00 € |
0,65 € | 1,23 € | 0,36 € | 2,24 € |
0,65 € | 1,33 € | 0,38 € | 2,36 € |
0,65 € | 2,10 € | 0,52 € | 3,28 € |
Da die CO2-Abgabe auch ein fixer Betrag ist, wirkt sie sich nicht massiv auf die Berechnung aus sondern bleibt (wie die Energiesteuer) gleich hoch. Die Tabelle soll ohnehin nur deutlich machen, dass bei einem deutlich höheren Endpreis der Steueranteil sinkt und nicht linear mit ansteigt.
Bei einem doppelten Endpreis von 2,00 Euro statt 1,00 Euro hat sich die MwSt auch von 0,16 auf 0,32 Euro verdoppelt. Da die Energiesteuer ein Fixbetrag ist, ist der Steueranteil von 0,81 Euro auf 0,97 € jedoch »nur« um 16 Cent gestiegen – genau um die 16 Cent um welche sich die MwSt verdoppelt hat.
Der Anteil der Kraftstoffkosten (netto), also das was der Anbieter vom Kraftstoff erhält, hat sich von 0,19 Euro auf 1,03 Euro kräftig erhöht – also um 0,84 Euro.
Die Tabelle berücksichtigt nur die Gegebenheiten bei Benzin. Da Diesel eine andere Höhe bei der Energiesteuer hat, wirkt es sich auch entsprechend anders aus, die Höhe des Steueranteils ist geringer.
Wenn sich der Kraftstoffpreis beispielsweise von 1,00 Euro auf 2,00 Euro an der Zapfsäule erhöht, steigt der Steueranteil nur um 16 Cent, der Anteil welchen der Tankstellenbetreiber erhaält jedoch um 84 Cent.
Das liegt daran, dass die Energiesteuer (und übrigens auch die CO2-Abgabe) ein fixer Betrag ist, nur die Mehrwertsteuer erhöht sich linear mit dem Endpreis.
Ich weiß noch nicht wie sehr sich die aktuellen Kraftstoffpreise auf mein Verhalten auswirken werden. Ich habe die letzten beiden Jahren das Motorrad deutlich weniger genutzt. Dabei hatte ich viel vor. Corona hat mir jedoch meine Pläne nachhaltig durchkreuzt.
Für 2022 hatte ich vor einigen Monaten noch die Hoffnung endlich (wieder) eine längere Tour machen zu können. Falls das Wetter nicht mitspielen sollte habe ich mir ausgerechnet jetzt auch noch einen Pickup gekauft. Damit wollte ich dann vom Wetter unabhängig zum Camping fahren können. Durchschnittsverbrauch beim Tankvorgang nach einem Monat: über 10 Liter. Bei knapp unter 2,00 Euro pro Liter Diesel waren das dann etwa 20 Euro auf 100 km.
Die Motorräder sind auch keine Kostverächter, vielleicht hätte ich mir statt der Tiger 800 wieder eine 125er kaufen sollen?
»Hinterher ist man immer klüger« und »nichts wird billiger« – beides bewarheitet sich nun auch mal wieder.
»Polen hat die MwSt gesenkt – wäre das nichts für Deutschland?« – meine ganz persönliche Meinung: Nein. Denn es würden von den fast 80 Cent Preisanstieg binnen weniger als vier Wochen »nur« etwa 40 Cent eingespart werden wenn man die MwSt komplett steichen würde. Ja, das macht schon einen Unterschied im Display, ändert aber im Geldbeutel am Ende langfristig auch nicht viel. Insbesondere bei Vielfahrern (Berufspendlern), welche nicht auf den ÖPNV ausweichen können.
Die Senkung beziehungsweise bei einigen Produkten sogar völlig entfallene MwSt in Polen hat übrigens nichts mit den Kraftstoffpreisen zu tun. Die Einführung dieser Maßnahme fand schon zum 01.02.2022 statt um der sehr hohe Inflation in Polen zu begegnen (über 8%). Polen ist zwar ein EU-Land, hat aber nicht den Euro als Landeswährung. Daher ist die Situation nicht zu vergleichen.
Es müsste also eine andere Lösung her um die Bevölkerung mit hohen Ausgaben bei den nicht vermeidbaren Fahrtkosten (Berufspendler) zu entlasten. Nur welche?
Aktuell gibt es natürlich auch noch ein anderes Thema, welche sich rund 1'300 km östlich von Berlin abspielt. Es ist ein wichtiges Thema. Allerdings würde es den Umfang von meinem heutigen Beitrag sprengen. Bevor ich der Thematik nicht gerecht werde, lasse ich sie daher weg.
Nur soviel: ja, es gibt gerade Menschen, denen Kraftstoffpreise und ob es draußen warm genug zum Motorrad fahren ist sehr egal sind. Dessen bin ich mir bewusst.
Eure Gedanken?
Was sind eure Gedanken für die Motorradsaison 2022 oder zum Spritsparen im Allgemeinen? Könnt beziehungsweise werdet ihr eurer Verhalten ändern (müssen)? Lasst mir gerne einen Kommentar da.
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Datum: | 12.03.2022 |
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Kommentare
schrieb am 20.03.22 um 13:50 Uhr:
Toller Beitrag, herzlichen Dank.