Ein ausführlicher Erfahrungsbericht nach rund 3'500 km binnen 3 Monaten

Kätzchen und Tiger: Die Yamaha FZ6 Fazer (RJ07)

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Wie ich vor ein paar Wochen bereits berichtet habe, habe ich mir diesen Sommer eine Fazer gekauft. Genauer gesagt eine »RJ07« von 2004.

Nun möchte ich über meine Erfahrungen während der ersten rund 3'500 km berichten, die ich in den vergangenen drei Monaten auf dem Bock runtergerissen habe. Wie der Modellname bereits andeutet, ist die FZ6 mit einem 600ccm-Aggregat ausgestattet, also die stolze Hubraumklasse, die für diesen Blog Pate stand. Ich werde im Folgenden daher auch hie und da die Vorteile dieser Motorisierung hervorheben.

Auf der Schwarzwaldhochstraße. Rechts unübersehbar: Die markante Fazer-Front
Auf der Schwarzwaldhochstraße. Rechts unübersehbar: Die markante Fazer-Front

Im Überblick wie der heutige Beitrag strukturiert ist:

Einfach den jeweiligen Link anklicken, schon ist man beim dazugehörigen Abschnitt.

Deeplink Exkurs zur Modellhistorie

Zur Erläuterung, »RJ07« ist die Fazer-Baureihe von 2004 bis 2006. Also die Nach­folgerin der FZS600, allerdings mit dieser kaum noch zu vergleichen: neues Design, Alurahmen statt Stahlrohr, Seatpipes, Einspritzer statt Vergaser, und noch so einiges mehr.

Ab 2007 kam dann als Modellpflege die »RJ14«, wobei man zwischen der auf 78PS kastrierten Standardversion (»S«) und der optisch und technisch leicht veränderten S2 mit 98 PS unterscheiden muss. Neben der geänderten Verkleidung ist der Rahmen das auffälligste Unterscheidungsmerkmal, der typischerweise in Alu-Silber, ausschließlich bei der S2 jedoch in schwarz daherkommt. Dies sollte man im Hinterkopf behalten, da auf dem Gebrauchtmarkt ziemlich viele Maschinen als S2 angepriesen werden, obwohl es keine sind.

Aufgrund der nativen 98 PS ist die Fazer freilich inzwischen nicht mehr A2-geeignet, allerdings bin ich überfragt, ob das auch für die 78 PS Version gilt -- denn auch diese Drosselung ist mit simpelsten Mitteln realisiert und kann ebenso simpel »entkorkt« werden.

Abzugrenzen ist die FZ6 ferner von den »großen Schwestern« FZS1000 und FZ1, auch Kilofazer genannt, die aus einem Liter Hubraum etwa 150PS schöpfen. Eher eine Randnotiz die FZ8 bzw Fazer8, die sich hierzulande nicht so gut verkauft hat.

Die Fazer irgendwo in der Fränkischen Schweiz. Gut zu erkennen: Der »UFO-Tacho«.
Die Fazer irgendwo in der Fränkischen Schweiz. Gut zu erkennen: Der »UFO-Tacho«.

Natürlich ist die »kleine Fazer« kein Exot, sondern war über Jahre ein stark ver­kauftes Modell auf dem deutschen Markt und zeitweise Yamahas Topseller überhaupt. Dementsprechend findet man auch massenweise Testberichte und Gebrauchtberatungen im Internet, welche ich selber (fast) alle vor dem Kauf gründlich durchgeackert habe. Sinn dieses heutigen Beitrags ist es also wie gesagt, meine subjektiven Eindrücke zu beschreiben, und insbesondere zu einigen im Internet häufig kolportierten Aussagen Stellung zu nehmen, stammen sie nun aus Zeitschriften oder Diskussionsforen.

Deeplink Spaß? Ja, definitiv Spaß!

Also erstmal vorweg: Die kleine Fazer ist richtig, richtig geil. Bisher hatte ich immer Enduros (Transalp, DR600 und Dominator), und die hatten schon auch ihre Meriten, aber gerade diesen Hintergrund bitte ich zu würdigen wenn ich sage: Die Fazer macht wirklich höllischen Spaß! Natürlich nicht zuletzt bedingt durch die im Vergleich mit den genannten Modellen gut doppelte verfügbare Motorleistung, aber auch das Fahrwerk und Gesamtkonzept tragen zum Spaßfaktor ihren Teil bei.

Einmal wäre da die Ergonomie zu nennen: Die Sitzposition ist ziemlich aufrecht, allerdings freilich nicht ganz so aufrecht wie auf einer Enduro. Auch die Knie sind spürbar spitzer angewinkelt, aber auf jeden Fall deutlich entspannter als auf einer auf pure Performance getrimmten Supersportler.

Auch das Gewicht fällt positiv aus. Die ca. 200 kg (fahrbereit!) sind absolut handhabbar, und sicherlich wesentlich leichter beherrschbar als die 240 kg oder mehr, die heutige Dickschiffe so auf die Waage bringen.

Zumindest für kleinere Soziae ist hinten ausreichend Platz, allerdings muss man sich da unter Umständen erstmal an die gestufte Sitzbank und dementsprechend hochliegende Sitzposition gewöhnen. Zur Verstellung der Federvorspannung muss die Sitzbank übrigens abgenommen werden.

Vermarktet wurde die Fazer von Yamaha als »Sporttourer«. Wobei ich hier die Betonung eher auf »Sport« als auf »Tourer« liegen sehe. Will heißen, eine Reisemaschine ist sie nur bedingt. Passende Koffersysteme inklusive Topcase sind erhältlich (beispielsweise von Givi), wobei ich persönlich die schöne, sportliche Linie der Fazer nicht durch Kofferträger verschandeln wollen würde.

Am ehesten würde ich hier Satteltaschen ins Auge fassen. Allerdings müsste man sich da Gedanken machen und Abstandhalter kaufen oder basteln, damit die im Betrieb natürlich heiß werdenden »Seatpipes« nicht die Spanngurte zerschmelzen.

Witziger Nebeneffekt der gestuften Sitzbank: Einen auf den Rücken geschnallten (Trekking-)Rucksack kann man auf der Stufe ganz gut absetzen, das bringt spürbare Entlastung für die Schultern auf längeren Autobahnetappen.

Möglich sind also jeweils Gepäck- oder Soziusbetrieb, aber beides gleichzeitig würde ich rein intuitiv nicht empfehlen – da dürfte sich selbst eine noch so kleine Sozia ziemlich eingekeilt fühlen. Prinzipiell ist die Fazer sehr vielseitig. Ich kenne auch jemanden der mit einer FZ6 regelmäßig mit Gepäck verreist und richtig lange Tagesetappen runterreißt. Gleichzeitig ist sie auch absolut alltagstauglich, und sei es für die schnöde Pendlerstrecke (Perlen vor die Säue, sag ich). Ich selber verwende die Fazer in erster Linie als Freizeitmopped, vorzugsweise für Nachmittags- oder Tagestouren mit möglichst wenig Gepäck. Da macht sie (mir) am meisten Spaß.

Nur zweimal habe ich mich kurz zurück auf eine Enduro gewünscht. Das erste Mal hatte mich das Navi getrollt, auf einmal war die Straße zu Ende und es ging auf Schotter ein Stück durch den Wald. Das hat sie aber geschafft. Das andere Mal versperrte eine unangekündigte Baustelle die Weiterfahrt und erzwang einen weiteren Umweg. Mit einer Enduro wär ich halt einfach kurz auf dem Feld daran vorbeigefahren.

Sehen wir uns mal die Fahrleistungen an: 98 PS (also 72 kW) stehen im Brief. Laut Prüfstandmessungen sind es sogar ein paar mehr, bis zu einhundert galoppierende Pferdchen werden hier genannt. Bekanntlich stammt das Aggregat aus der R6, wurde aber etwas gezähmt, um die Leistung etwas linearer, weniger bissig abzugeben.

Das Drehmomentmaximum wird bei 10'000 Umdrehungen pro Minute erreicht, dann liegen etwa 63 Nm an der Kurbelwelle an. Das klingt im Vergleich zu Big Bikes nicht nach viel, aber resultiert dennoch in einer wirklich flotten Gangart.

Gangart ist ein gutes Stichwort: Die Übersetzung ist wirklich schön abgestimmt, zumindest ab dem zweiten Gang aufwärts. Der linke Fuß sortiert ein Sechsganggetriebe, das auch jegliche Schaltvorgänge in der Regel mit einem unüberhörbaren KLACK quittiert – das scheint wohl so eine Yamaha-Eigenart zu sein, man kann häufig davon lesen (auch bei anderen Modellen). Die Kupplung trennt bereits bei minimaler Betätigung des Hebels, und ist generell zumindest zwischen den höheren Gängen optional.

Generell empfehle ich, auch bei aggressivem Fahrmodus bei 12'000 Touren zu schalten, auch wenn der rote Bereich erst bei 14'000 losgeht. Schaltblitz gibt es natürlich nicht, ebensowenig wie Ganganzeige – »Sporttourer«, wir erinnern uns?

Der erste Gang geht theoretisch bis 105 km/h – wenn man es also auf die Beschleunigungsmessung von 0 auf 100 km/h abgesehen hat. Aber dann greift auch gleich der Begrenzer hart ein. Hier gehe ich generell viel früher nach oben.

Der Zwote ist toll, mit dem kann man quasi alles machen. Hier übertragen sich die U/min ungefähr im Verhältnis 100:1 in km/h – aber nicht exakt. Bei 10'000 Touren hat man etwa 110 Sachen drauf, bei 12'000 sind es etwa 130. Super für offensive Kurvenhatz, allerdings machen sich Lastwechselreaktionen natürlich umso stärker bemerkbar.

Sofern wir massive Geschwindigkeitsüberschreitungen mal ausklammern (und diese würden wir ja sicher niemals begehen, nicht waaaaahr?), senken die Gänge 3 und 4 das Drehzahlniveau schon deutlich unter das Drehmomentmaximum. Da liegen dann meist so etwa 7-8000 Touren an.

Noch gemütlicher wird es natürlich bei Gängen 5 und 6, das sind auf der Landstraße quasi so Bummel-Gänge. Auf der Autobahn hingegen eröffnen sie die Welt jenseits der 200km/h. Die angeblich möglichen über 220 km/h habe ich nicht erreicht. Der Aerodynamik einer Halbschalenverkleidung sind durch die Physik eben auch Grenzen gesetzt. Für mich war – allerdings mit vollgepacktem Trekkingrucksack – selbst hinter die Scheibe geduckt bei rund 210 vom Tacho abgelesenen km/h Ende der Fahnenstange. Generell vermeide ich natürlich die Autobahn, aber wenn man von Franken nach Frankreich fahren will, lässt sie sich kaum vermeiden. Muss ich vielleicht mal bei Gelegenheit ohne Gepäck nochmal probieren. Beim gemütlichen Dahinrollen liegen im 6. Gang bei Tempo 130 etwa 7'000 Touren an.

Deeplink (Not so good) vibrations

Wo wir gerade bei Drehzahlen sind: Im Bereich von ca 5'700–6'000 Umdrehungen waren mir am Anfang ziemlich spürbare Vibrationen aufgefallen. Laut Beiträgen im Internet scheint das auch für dieses Modell normal zu sein, aber ich empfand es als ein wenig störend. Inzwischen merke ich das aber schon gar nicht mehr. Oder vielleicht vermeide ich auch instinktiv den genannten Drehzahlbereich – ab 6'000 Touren hören diese speziellen Vibrationen jedenfalls schlagartig auf.

Generell geht in verschiedenen Bereichen ein »Buzz« in die Lenker und Fußrasten, was manche Fahrer durch Einbau schwererer Lenkerendstücke und Gummipuffer zu kompensieren versuchen. Ich selber habe nichts dergleichen gemacht, sondern bin einfach gefahren und gefahren – und inzwischen merke ich wirklich nichts mehr davon.

Auch auf den Sound möchte ich noch kurz eingehen, da der ja anscheinend für viele Fahrer superwichtig ist. Der ist, bedingt durch die vier kleinen Zylinderchen, eher unspektakulär. Einerseits kein Bullern, andererseits auch nicht ganz so turbinenartig wie beispielsweise die CBR600. Fehlzündungen beim Gaswegnehmen gibt es absolut keine – im Gegensatz zur älteren Cousine der Familie, der vergaserbeatmeten FZS1000, die für genau dieses Verhalten bekannt ist.

Natürlich gibt es auch für die FZ6 Nachrüst-Schalldämpfer, aber mir wär das Geld dafür zu schade. Zumal ich da auch schon mehrfach Aussagen gelesen habe, dass die gängigen Modelle von LeoVince oder Akra einfach nur »Krach« machen, ohne dabei gut zu klingen, und selbst für den Fahrer zur Qual ausarten – und teilweise bei Kontrollen als »zu laut« negativ aufgefallen sind. Mit entsprechenden Folgen für Fahrer und Fahrzeug. Wer meint, dass man durch Lautstärke an Leistung gewinnen würde, lügt sich selber in die Tasche.

Ich mag den Sound meiner Fazer, so wie er ist. Gepflegt schnurrend wie ein Kätzchen im unteren Drehzahlbereich, heiser brüllend wenn ab ca 8'000–9'000 Touren der Tiger erwacht und ganz gewaltig zu ziehen anfängt. Dieses Aggregat hat wirklich zwei Leben oder besser gesagt zwei Persönlichkeiten.

Die Fahrweise schlägt sich auch jederzeit nachvollziehbar im Spritverbrauch nieder. Bei gemütlichem Touren (ohne Gepäck) sind Verbräuche um 4,9 Liter auf 100 km drin. Das ist die von mir an einem sehr gemütlichen Nachmittag erreichte Unterkante. Meist deckt sich mein Verbrauch eher mit den in Tests angegebenen 5,2 Litern Super auf 100 km, doch auch bei flotterer, hochtouriger Gangart sind mir noch nie mehr als 5,9 Liter im Schnitt durchgelaufen. Ottomotoren haben halt im Teillastbereich einen rotzigen Wirkungsgrad, insofern ist die 600er auch hier gegenüber den 1000ern im Vorteil.

Was mich zu meinem Anliegen bringt, mal mit ein paar Behauptungen aufzuräumen, über die man im Internet immer wieder stolpert, über 600er im Allgemeinen und die »kleine Fazer« im Besonderen.

Deeplink Behauptung 1: Ungleichmäßiger Drehmomentverlauf

Also gleich der erste Unterschied zwischen Theorie und Praxis: Schaut man sich die verfügbaren Leistungsdiagramme an, mutet die Drehmomentkurve an wie eine Achterbahn. Auch Motorradzeitschriften reden zuweilen von Leistungslöchern in diesen und jenen Drehzahlbereichen.

In der Praxis ist dagegen zumindest für mich davon absolut nichts zu spüren. Du drehst am Griff und sie zieht los. Etwaige Leistungstäler sind so schnell durchschritten, dass man sie bestenfalls erahnen kann. In der Praxis mag die Beschleunigung nicht ganz gleichmäßig sein, aber vielleicht trägt auch genau das zum Spaßfaktor bei. Von »Löchern« kann jedenfalls keine Rede sein. Also auf keinen Fall von irgendwelchen Diagrammen bange machen lassen.

Deeplink Behauptung 2: Kleine Vierzylinder sind durchzugschwach

Selbstverständlich sind 600er Fours keine Durchzugswunder, und auch die Fazer macht hier keine Ausnahme. In den Heften wird nun immer ein schaltfreudiger Fahrstil anempfohlen. Ich aber sage, solange man nicht gerade fährt wie auf der Rennstrecke, muss man so oft nun auch wieder nicht schalten.

Gemütlich dahinrollen, ob Stadt oder Überland, kann die Fazer in nahezu jedem Gang. Selbst bei sehr niedrigen Drehzahlen verschluckt sich der Motor nie. Und auch der 4. oder gar 5. reicht immer noch locker zum Mitschwimmen im Verkehr aus, man beschleunigt immer noch schneller als ein beliebiges Auto.

Umgekehrt kann man auch eine sehr sportliche Gangart auf der Landstraße fahren, und braucht im Prinzip nur den 2. Gang. Wer sagt, dass der nicht ausreicht, will offenbar deutlich schneller als 130km/h fahren, was ich auf öffentlichen Landstraßen nicht unbedingt empfehlen würde.

Deeplink Behauptung 3: Die kleine Fazer ist untermotorisiert (Achtung, Rant!)

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich – eigentlich nur in Internetforen – über Aussagen wie diese gestolpert bin. Ja, es gibt tatsächlich solche Leute, die die Meinung vertreten, 100 PS seien zu wenig für eine 200 kg Maschine, und man bräuchte schon die 1000er-Version mit 150PS. Ob das nun wirklich ihre Überzeugung ist oder sie nur implizit mit ihrem fahrerischen Anspruch prahlen wollen, kann ich nicht beurteilen.

Ich selber halte derartige Aussagen jedenfalls für Bullshit, für saublödes, unqualifiziertes Gelall. 100 Pferde sind reichlich. Die FZ6 braucht ca. 3,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Wo bitte soll es da an Leistung fehlen?

Nun, ich gebe gerne zu, ich bin kein Rennfahrer, aber ich arbeite an der allmählichen Verbesserung meines fahrerischen Könnens. Wie gesagt, ich komme aus der »50 PS-Klasse«, und dagegen sind 100 PS wirklich eine andere Liga. Auf öffentlichen Straßen ist es quasi unmöglich, dieses Potential voll auszuschöpfen. Wie gesagt, schon im Zweiten kannst du schnell genug fahren um einen Monat auf die Strafbank geschickt zu werden – und danach kommen nochmal vier Gänge. Und selbst bei kräftigen Steigungen kann man immer noch nach Herzenslust beschleunigen und Sportwagen verblasen – ich gebe der Fazer daher das Prädikat »Klettermaxe« (was zum Beispiel am Kandel im Schwarzwald bewiesen werden konnte).

Blick vom Kandel im Schwarzwald (August 2016)
Blick vom Kandel im Schwarzwald (August 2016)

Ich bleibe also dabei: Nicht die 600er ist unter- sondern die ganzen 1000er-Brocken sind übermotorisiert, so schaut's mal aus. Wisst ihr eigentlich noch, dass es mal eine Selbstverpflichtung der Hersteller gab, auf dem deutschen Markt kein Motorrad über 100PS anzubieten? Die wurde 1999 ersatzlos gestrichen – und heute, rund 17 Jahre später, soll diese ehemalige Schallgrenze als schwachbrüstig gelten? Lächerlich.

Wohlgemerkt: ich will niemandem den Spaß an seiner Literschüssel mißgönnen. Ich glaub euch auch, dass die Kisten geil sind. Es sind nur Aussagen wie »mit 100PS ist man untermotorisiert«, auf die ich allergisch reagiere.

Ach ja: Was »rant« bedeutet? Das ist englisch und bedeutet »schimpfen«.

Deeplink Behauptung 4: Einspritzmotoren verursachen Konstantfahrruckeln

Was kann ich sagen? Schwachsinn. Vielleicht war das mal früher so, als die Technologie noch nicht so ganz ausgereift war (ich gebe aber zu bedenken, dass schon im 2. Weltkrieg Einspritzmotoren in großen Stückzahlen zum Einsatz kamen, es ist also nun auch nicht soooo die unerhört neue Technologie). Fakt ist jedenfalls: Auf meiner FZ6 habe ich noch nie etwas bemerkt, was irgendwas mit Ruckeln zu tun hätte.

Deeplink Und echte Kritikpunkte?

Bei aller Begeisterung will ich nun nicht behaupten, dass die »RJ07« ein rundum makelloses Motorrad wäre. Sie ist aber durchaus eine sehr gute Maschine, weshalb ich mich mit den verbleibenden Kritikpunkten abfinden kann, aber ich will sie auch nicht verschweigen:

  1. Die Digitalarmaturen. Unter Fazeristen ist der Instrumentenblock der »RJ07« nur als »das UFO« bekannt. Der Drehzahlmesser ein schmaler Ring aus LCD-Kästchen, Tacho digital, alles andere natürlich auch digital. Insbesondere der Drehzahlmesser ist wirklich beschissen abzulesen. Wer auf den (Tages-)Kilo­meterzähler verzichten kann, darf diese Anzeige auf eine digitale Dreh­zahl­anzeige umstellen. Die ist etwas besser ablesbar, aber auch nicht das Gelbe vom Ei.

    Dieser Kritikpunkt wurde bei der S2 mit der Übernahme des analogen Dreh­zahl­messers von der FZ1 aus der Welt geschafft, aber das nützt mir halt natürlich für meine Maschine nichts. Die Umrüstung einer RJ07 jedoch wäre so teuer, dass man vermutlich besser beraten ist, sich gleich eine S2 zu kaufen.
     
  2. Die Bereifung. Die Werksvorgabe ist unnötig breit. Vermutlich hat man gedacht »je fetter die Schlappen, desto cooler«. In der Praxis sind die dicken Gummis aber einfach nur unnötig teuer und verschlechtern meiner Meinung nach das Handling. Zum Vergleich: Andere 600er Sportmaschinen mit locker 110 PS Leistung kommen auch problemlos mit 160er Schlappen aus, ebenso wie der FZ6-Vorgänger FZS600. Naja, das sind dann halt alle paar tausend Kilometer ein paar Zehner mehr, die man abdrücken darf – und natürlich erzwingen dickere Reifen eine tiefere Schräglage, worauf man sich erstmal ebenso einstellen muss wie auf das stärkere Aufstellmoment.
     
  3. Die Langstrecken-/Reisetauglichkeit ist – meiner Meinung nach – jeweils nur mittelmäßig. Für mich kein Problem, da ich sowieso nicht gerne jemanden hinten drauf mitnehme, und ich zu längeren Urlaubsreisen in ferne Länder leider keine Gelegenheit habe - und wenn, würde ich das eh mit einer Enduro machen wollen.

Das wär es aber auch schon. Mehr habe ich bisher nicht gefunden, was ich an der »RJ07« aussetzen könnte. Fehlendes ABS berücksichtige ich hier nicht – hab ich früher nicht gebraucht, brauche ich jetzt auch nicht zwingend. Wer es haben will, muss halt nach einem Modell von frühestens 2006 mit der entsprechenden Sonderausstattung suchen.

Darüber hinaus wird der FZ6 eine hohe Zuverlässigkeit und langlebige Technik attestiert. Laufleistungen über 50'000 km gelten als völlig unproblematisch; und laut diverser Fahrer sind auch über 100'000 km locker möglich. Leider werden viele Maschinen davor vermutlich wieder geschlachtet weil sie in Einzelteilen mehr wert sind – aber wer will schon ein Motorrad was über 10 Jahre alt ist und kein ABS hat? Also ich schon!

Deeplink Die Kosten

Zunächst mal will eine Maschine natürlich angeschafft werden. Im Falle der FZ6 zwangsläufig gebraucht, weil Yamaha diese Modellreihe längst durch andere ersetzt hat. »RJ07« sind auf dem Gebrauchtmarkt relativ erschwinglich, jedenfalls deutlich günstiger als eine Kilofazer. Die Preisspanne geht aktuell bei etwa 2'300 € los, mit entsprechender Laufleistung natürlich, und zieht von da schnell auf 3'000 € und mehr an. Gerade jetzt ist allerdings eine gute Zeit für den Motorradkauf – das Angebot ist nach der Saison größer, die Chancen auf einen günstigen Griff steigen.

Die Betriebskosten sind ebenfalls überschaubar. Der dickste Brocken ist der Sprit, gefolgt vom Reifenverschleiß. Grob gerechnet sollte man hier wohl so etwa 9–12 Cent pro Kilometer veranschlagen – beziehungsweise vor dem Kauf einmal in sich gehen, ob man Kosten von etwa 20 € für eine 200-km-Nachmittagstour nun teuer findet oder problemlos erschwinglich. Wer mit sich genügend diskutiert hat kann sich dann entweder eine günstigere Maschine suchen oder aufsteigen und nie zurückblicken.

Auch Steuer und Versicherung sind recht manierlich. Für Vater Staat fallen wegen dem vorhandenen Hubraum 44 € im Jahr an. Für eine Haftpflicht plus Komfort-Teilkasko ohne Selbstbehalt ca. 100 € (your Schadensfreiheitsklasse may vary). Ein weiterer Vorteil der 600ccm-Klasse gegenüber Big Bikes also. Zum Vergleich: eine FZ1 würde in meinem Fall 73 € Steuer und glatt 200 € Versicherung verschlingen – wegen der höheren Leistung.

Dank der günstigen Tarife für die 600er braucht man also auch nicht mit Saisonkennzeichen rumeiern – und darf dank Klimawandel auch nach Allerheiligen noch auf Tourenwetter hoffen und dieses weidlich ausnutzen (warme Unterwäsche ist dennoch empfehlenswert ) Als Bonus hat man die Straßen weitgehend für sich, weil der größte Teil der sogenannten Bruchstrichfahrer nach Halloween nicht mehr rausdarf.

Schlösschen Birkenwald am Rand der Nordvogesen (September 2016)
Schlösschen Birkenwald am Rand der Nordvogesen (September 2016)

Da ich die Maschine erst relativ spät in der Saison gekauft habe (Zulassung am 1. August dieses Jahres), bin ich natürlich immer noch scharf auf jede Gelegenheit auszufahren. Natürlich habe ich die Straßenverhältnisse dabei genau im Auge, schließlich habe ich keine Lust auf glitschigem Laub auszurutschen. Auch empfiehlt es sich, möglichst um die Mittagszeit zu fahren – nicht nur weil es früher dunkel wird, die Sonne steht auch schon recht früh sehr tief, was auch mit Sonnenvisier manche Streckenabschnitte zum Blindflug werden lässt. Diese mahnenden Worte sind natürlich nicht speziell auf die Fazer gemünzt, aber Vorsicht ist ja bekanntlich die Mutter der Porzellankiste.

Abschließend ein paar kleine Impressionen meiner Allerheiligentour.

Die letzten Sonnenstrahlen einfangen. Note 2 myself: Für den Rest des Jahres die Winter(textil)klamotten rausholen!
Die letzten Sonnenstrahlen einfangen. Note 2 myself: Für den Rest des Jahres die Winter(textil)klamotten rausholen!

Luft­temperatur war zwischen 15° und 18°C – gar nicht so schlecht für November, auch wenn es mit der Zeit etwas dunstig wurde und die Sonne nur noch durch einen Schleier zu erahnen war.

Kein Moped im Bild, dafür der Blick auf die Burgruine Neideck (Fränkische Schweiz-Veldensteiner Forst)
Kein Moped im Bild, dafür der Blick auf die Burgruine Neideck (Fränkische Schweiz-Veldensteiner Forst)

Für weitere Fahrten kommt dann das Leder in den Schrank und die »Winter­bekleidung« in Form von Textilklamotten wird ausgepackt.

Deeplink Fazit

Würde ich die FZ6 Fazer also empfehlen? Teufel, ja! Wie hier hoffentlich klar geworden ist, ist es ein sehr gutes Motorrad, das riesigen Spaß macht. Insbesondere wenn man von schwächeren Maschinen kommt (zum Beispiel als 48 PS/35 kW A2-Anfänger), sind die 100 Pferde eine Ansage, ohne aber andererseits zu extrem oder schwer beherrschbar zu sein. Wer direkt ungedrosselt einsteigen darf, sollte aber dennoch erstmal in sich gehen, ob es denn wirklich gleich diese Leistungsstufe sein muss. Allerdings sind Motorräder grundsätzlich ein sehr emotionales Thema, also sollte man letzten Endes einfach seinem Herzen folgen.


Kommentare

AndreasAndreas
schrieb am 23.07.17 um 22:30 Uhr:


sehr sehr schoener bericht
ich bin selbst am wochenende eine fz6 probe gefahren und fasse diese als mein naechstes ins auge
vielleicht kannst du mir noch etwas sagen
wird sie bei dir auch so heiss am rahmen und kuehlerschlauch ?etwa im bereich der zylinder ?
selbst nur bei niedrigtourigen fahren


NotausNotaus
schrieb am 25.07.17 um 14:10 Uhr:


Mir ist da bisher keine ungewöhnliche Hitzeentwicklung aufgefallen.
Selbst die Endtöpfe bleiben relativ kühl. Also, natürlich wird der Motor warm, und man fühlt es auch an den Unterschenkeln ein wenig abstrahlen, aber imo nicht so stark wie bei einer luftgekühlten Maschine.

Hat die von dir getestete Maschine vllt einfach nicht genug Kühlmittel drin? Ausgleichsbehälter ist hinten neben dem Federbein, da kann man die Markierung direkt ablesen.

Die Kühlertemperaturanzeige ist ja digital mit 6 Balken. Im Überlandbetrieb sind 3 Balken normal, vllt 4 bei heißem Wetter. Im langsamen Stadtverkehr können es aber schonmal 5 Balken werden – das merkt man dann auch an den Beinen. Würde es die 6 Balken vollmachen, würde ich anhalten und Pause machen.


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